ForuM-Studie zu sexualisierter Gewalt in der ev. Kirche

Kommentar

Die ForuM-Studie zu sexualisierter Gewalt…

– ein Kommentar –

Am 06.2.2024 ist die ForuM-Studie in die Öffentlichkeit gegangen. In ihr haben Forschende, von der EKD beauftragt, untersucht, welchen Umfang die Fälle von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche in Deutschland haben. Vor allem aber ist auch Gegenstand der Untersuchung, inwiefern Strukturen und auch Theologie Taten von sexualisierter Gewalt an Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen begünstigt haben.
Das Ergebnis ist verheerend – und gleichzeitig bestätigt es im vollen Umfang meine Erfahrungen als Selbst-Betroffene.
Dabei führt die Studie zwingend vor Augen, dass es unerlässlich ist, nicht nur einen Bruchteil, sondern ALLE Akten durchzuarbeiten, um aus den hohen Dunkelziffern klarere Zahlen zu gewinnen.
Entsetzlich ist, dass die Studie herausarbeitet, dass ein ganzes Drittel der Betroffenen von mehreren Täter:innen spricht. Dies kommt in der Gesellschaft in diesem Ausmaß sonst nicht vor.
Schon nach dieser Aussage kann mensch eigentlich nicht mehr weiter sprechen.
Kein Wort ist diesem Leid angemessen.

In der Studie wird aber auch herausgearbeitet, inwiefern die in Kirche herrschenden Machtstrukturen und ihre implizite Verleugnung dazu beitragen, dass Gewalt bis HEUTE ausgeübt wird.
Meine Erfahrungen bestätigen dies: Immer noch nehme ich immer wieder einen Mangel an Hellsichtigkeit im Kleinen war, der sich durch Sätze wie: „Wir sind doch Brüder und Schwestern im Herrn, hier gibt es keine Hierarchie / Abhängigkeiten“ entlarvt.
Aber Prävention beginnt im alltäglichen Umgang, in der Reflexion der Strukturen, der Abhängigkeiten, der Machtverhältnisse. Im Hinterfragen: Wo bin ICH SELBST ein Rad im Getriebe, das Missbrauch von Macht begünstigt.

Leider – und da schließe ich auch hiesige Gemeinden nicht aus – verschließen Kirchenmenschen immer noch die Augen davor, all dies zu reflektieren und bewusst zu gestalten. Sie scheuen sich, vergangene Geschichten aufzuarbeiten, um aus ihnen zu lernen.
Warum? Aus einer Angst heraus? Angst vor Gesichtsverlust? Angst nur wovor?
Wenn sich Kirchenmenschen doch an dieser Stelle klar machen würden: Sie verspüren nur einen winzigen Bruchteil der Angst, die für Betroffene, Überlebende oft das Leben im Gesamten bestimmt. Und nicht nur die paar Stunden der Auseinandersetzung, die es für Kirchenleute vielleicht bedeuten würde, bevor Sie wieder „in ihr Leben“ zurückgehen.

In der Studie wird aber auch beim Namen genannt, dass theologische Aussagen ebenso gewaltbegünstigend wirken. Als Beispiel möge hier ein Satz dienen, der mir immer wieder begegnet ist – auch in der Seelsorge mit Betroffenen bzw. im Gespräch mit deren Umfeld: „Man muss doch auch vergeben können“. Solche Sätze dienen eher der eigenen Profilierung als „gute:r Christ:in“ und sind ein Schlag ins Gesicht für Betroffene.

Aus der Studie herauslesbar ist, wie demütigend manche Betroffene eine pseudoseelsorgliche Bevormundung erlebt haben und erleben. Passende Sätze hierzu sind meiner Erfahrung nach: „Du kannst es ja nicht anders sehen, du bist ja betroffen, das tut mir leid…“ Solche Aussagen sind entwürdigend und nehmen das Gegenüber nicht ernst. Vorschnell aufgedrückte „Seelsorgeangebote“ ersetzen die offene Frage: „Was brauchst du wirklich?“ – und auch die kritische Frage an sich selbst: „Habe ich genug hingeschaut...“

Wenn dann Kirchenmenschen als Reaktion auf die Studie ihre Scham und ihre Betroffenheit äußern, läuft das oft Gefahr, einen faden Beigeschmack zu bekommen. Stellen sie sich hiermit als die ebenfalls Bemitleidenswerten dar? Die, die doch immerhin bekennen – und das „sogar“, obwohl sie persönlich vielleicht gar nichts „getan“ haben?

An alle Nicht-Betroffenen: Die Scham, das Entsetzen, das Grauen, das Sie spüren – das ist nur ein winzigster tausendstel Bruchteil dessen, was Betroffene erleben. Was diese Menschen tagtäglich weiter begleitet. Was zu ihrer Persönlichkeit geworden ist und nur unendlich schwer und in immer währendem Kampf überwindbar ist: Scham, Entsetzen, Lebensangst, Wut, abgrundtiefer Hass und vieles mehr, was das Leben zersetzen kann.

Wie viel Leben ist zerstört.
Wie viele Möglichkeiten sind genommen.
Wie viel Lebensfreude geraubt.
Wie viele Seelen zersprungen.

Worte von Betroffenheit und der Aufruf zum Gebet reichen da nicht. In den 80iger Jahren titelte eine Fachzeitung nach einem verheerenden Unglück: „Betroffenheit sei unser Ansporn. Das Leid der Betroffenen, das eigene Betroffensein über die Situation vor Augen zu sagen: ´Das ist mein Ansporn es besser zu machen  – das wäre ein Anfang.“ 

Was Vertrauen schaffen würde...

...wenn den Lippenbekenntnissen Handlungen folgen würden…

...wenn Betroffenheit über den Aufruf zum Gebet hinaus sichtbar Folgen hätte…

...wenn sich Menschen den Erzählungen von Grausamkeit und quälenden Folgen von sexualisierter Gewalt aussetzen würden ohne sich wegzuducken…

...wenn Kirchenmenschen den Hass, den Ekel, die Abwehr, die Wut, die Lebens-Müdigkeit, die ihnen entgegen geschleudert wird, aushalten würden, ohne in Floskeln zu fallen...

...wenn sie mit Schweigen antworten, wo es keine Worte für das Leid gibt...

...wenn Gemeinde- und Kirchenmenschen sagen würden: „mea culpa“ und die eigene Geschichte mit externer Unterstützung reflektieren…

...wenn keinem Betroffenen, erwachsen oder Kind, gesagt würde: „Du bist ja selbst schuld...“

...wenn Menschen nicht mit dem Hinweis auf die „Liebe Gottes“ Schuld wegwischen würden...

...wenn Macht nicht kaschiert und theologisch verleugnet würde…

...wenn Kirchen ihre Strukturen verändern…

...wenn Verdachtsfälle an außenstehende Stellen abgegeben würden...

...wenn Betroffene auf Augenhöhe gehört werden…

...wenn sie gefragt würden: Was brauchst du? anstatt ihnen Seelsorge aufzuzwingen…

...wenn ihnen das, was sie brauchen, selbstverständlich gewährt würde…

...wenn so ein Ansatz von „Ausgleich“ für verloren gegangenes Leben geschaffen würde…

usw.

usw.

usw.

… - Sie können gerne weiter ergänzen – ...

…all das und einiges mehr würde Vertrauen schaffen...

Ob die Studie dazu ein Anfang ist?

Yara Hornfeck, Pfarrerin und Betroffene
Birgit Evertz, Leitung Diakonie der Ev. Kirchengemeinde Erkelenz

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